Kategorie: Sprache

  • Beliebig

    Austauschbar zu sein kann den Druck nehmen. Es kann aber auch das Einzigartige an einer scheinbar unbeweglichen Wand zerdrücken. Was übrig bleibt sind nur willkürliche Fetzen vergessener Gedanken, die jeder für sich vereinnahmen könnte, und man würde sie glauben. Man würde sie eingravieren wollen in Schmuck, vor Stolz hinaustragen über beliebige Köpfe, Städte, Meere. Wo sie aus der Masse herausstechen können. Individualismus existiert nur im Kopf seiner Schöpfer. Wir nehmen diese fremden Fetzen in unsere Hände und geben sie als unsere aus, weil wir sie zusammengenäht haben. Die Farben bleiben unverändert, der Geschmack, der Duft, das Licht. Neu ist nicht mehr, was es noch nie gab, sondern was ein jeder selbst noch nicht kennt. Neu existiert aber bereits an einer X-beliebigen Wand.

  • Kommen wir darauf später zurück

    Der Business Jargon verändert sich regelmäßig und stetig, aber manche Floskeln verlieren so schnell an Wirkung, dass sie in mir ein Gefühl von nicht mehr zeitgemäßer Mitarbeiterführung erzeugen. „Circle back“ ist dabei für mich mittlerweile wie das Arschgeweih im Wasserkopf-Sammelsurium des mittleren Managements.

  • Läuft

    In einem Supermarkt gibt es immer viel Bewegung. Die Abgelaufenen, versteckt zwischen den schlecht Laufenden, inmitten der gut Laufenden. Die kleinen Umherlaufenden. Die Weglaufenden. Die gestützt Laufenden neben den Verlaufenden. Überlaufend und in Tüten gequetscht.

  • Nullpunkt Tango

    Die Detonation am Tiefpunkt mit ungesunden Mengen Koffein, ungesunden Mengen Zucker und dabei vergleichsweise gesunden Mengen Antidepressiva hinauszögern. Kalifornischer Raketentreibstoff lädt ein zum Nullpunkt-Tango, während ich an der Startrampe auf den Countdown warte. Kein Lift-off, nur zu den Sternen sehen, die man nicht mehr rechtzeitig erreichen wird. Wir tanzen durch und verschieben den Start auf morgen, auf der Suche nach einem anderen Grund, nicht in die Luft zu gehen.

  • Das Menü

    Schluck den trivialen Wortsalat unzerkaut wie orale Zäpfchen; mit ein klein wenig Over-dressing zeigt sich die nach Fleisch sehnende Menge beindruckt vom simplifizierten, durch Kakao gezogenen Entrée. Dann der Hauptgang. Kurze Kratzer im Gaumenkonzert, nebulöse Blöße, ein verwirrter Handschlag auf die Wange oder zwei. So genau zählt keiner mit. Zum Dessert etwas rundes, vielleicht buntes, süß und saftig, schmatzt schrecklich schön und bleibt im Hals stecken wie ein Ast, der sich durch die Windschutzscheibe bohrt. Immerhin, bezahlen musste bis jetzt keiner. Wollte aber auch niemand. Die Abrechnung kommt manchmal drei Tage später per Post.

  • Perspektiefer

    Mit Schaum vorm Mund, das Bier in der einen, das Handy im Aufnahmemodus in der anderen Hand. Durch Filter pressen, auf Pinnwände nageln und nach der richtigen Bildbeschreibung suchen. Hashtag Red Flag. Der Moment, in dem das Bier so leer ist, wie der Blick ans andere Ende der Fahnenstange. Setz‘ mich auf den nächsten Barhocker, betrachte meinen Bierbauch mit dem beim Menschen vorinstallierten Selfiemodus und möchte die Perspektive ändern. Doch der Speck sitzt tiefer.

  • Chamäleon

    Das Farbspektakel unter Füßen;Gedanken richten, züchten, giessen. Durch Hoffnungsschimmer leuchtet hier der nächste Morgen aufgerissener Vorhänge: eintretendes Licht bildet Sonnenpfützen auf dem PVC. Er lehnt an einer kalten Kellertür, verbirgt Verschlossenes, zugedecktes Gedränge. Verhungern wirst du. Depression, die.