Kategorie: Beobachtungen

  • Pressure

    Trägt sich die Hülle vom Bett an den Schreibtisch. Nimmt den Kugelschreiber in die Linke und drückt. Drückt sich davor, aufzuschreiben, was er denkt. Drückt noch einmal, weil er sonst austrocknet. Innerlich trocknet er vor sich hin, wird ausgedrückt und gequetscht. Drückt sich das Ding in seiner Hand in die Stirn. Möchte Löcher drücken, damit Gedanken ungehindert fliessen können und nicht auf einer Ebene dazwischen vertrocknen. Geraderücken, biegen, Kugelschreiberminen explodieren. Tintenblaue Krater. Dampf ablassen und weiter bücken.

  • Beliebig

    Austauschbar zu sein kann den Druck nehmen. Es kann aber auch das Einzigartige an einer scheinbar unbeweglichen Wand zerdrücken. Was übrig bleibt sind nur willkürliche Fetzen vergessener Gedanken, die jeder für sich vereinnahmen könnte, und man würde sie glauben. Man würde sie eingravieren wollen in Schmuck, vor Stolz hinaustragen über beliebige Köpfe, Städte, Meere. Wo sie aus der Masse herausstechen können. Individualismus existiert nur im Kopf seiner Schöpfer. Wir nehmen diese fremden Fetzen in unsere Hände und geben sie als unsere aus, weil wir sie zusammengenäht haben. Die Farben bleiben unverändert, der Geschmack, der Duft, das Licht. Neu ist nicht mehr, was es noch nie gab, sondern was ein jeder selbst noch nicht kennt. Neu existiert aber bereits an einer X-beliebigen Wand.

  • Lenkungswirkung

    Der Regierungsapparat gibt bekannt, dass zukünftig eine Steuer auf Erdbeerdigungen erhoben wird. Feuerbestattungen werden aufgrund ihres geringeren Flächenbedarfes bei Bestattungszwecken von der Steuer befreit.

    Der Regierungsapparat gibt bekannt, dass die CO2 Abgabe auf Feuerbestattungen erhöht wird, um einen Anreiz für Erdbeerdigungen zu schaffen. Gleichzeitig wird die Steuer auf Erdbeerdigung nur noch dann vollumfänglich für Körper erhoben, wenn die Körper über alle Gliedmaßen verfügen. Die Steuerlast reduziert sich je nicht vorhandenem Gliedmaß um 25%.

    Der Regierungsapparat gibt bekannt, dass eine Steuer auf Amputationen bei bereits verstorbenen Personen eingeführt wird.

    Der Regierungsapparat gibt bekannt, dass vor dem Tod amputierte Gliedmaßen nicht unter die postmortale Amputationssteuer fallen und stattdessen als vorweggenommene Bestattungshandlung besteuert werden.

    Der Regierungsapparat gibt bekannt, dass aus Sicht der Bestattungssteuer Menschen, die über alle Gliedmaßen verfügen, ein Recht auf maximal zwei Amputationen haben, sofern eine potentielle Feuerbestattung einen CO2 Wert von über 50 Gramm CO2 Ausstoß erreicht.

    Der Regierungsapparat gibt bekannt, dass der maximale CO2 Wert für Feuerbestattungen an den prozentualen Körperfettanteil des Verstorbenen gekoppelt wird.

    Der Regierungsapparat gibt bekannt, dass eine Steuer auf zuckerhaltige Lebensmittel erhoben wird.

    Der Regierungsapparat gibt bekannt, dass das Bestattungssteuerrecht vereinfacht werden soll.

  • Auf- und Abstieg

    Das Donnern beginnt um vier Uhr morgens, wenn der sehnsüchtig erwartete Unterbezahlte die überbewertete Sonntagsverblödung eigentlich unter der Haustür , dann aber doch dem Nachbarn in die Hand drückt. Daraufhin folgt der zweite Akt in Form eines dramatischen Aufstiegs in die erste Etage, unterbrochen von ausgiebiger Schnappatmung und dem Absetzen des aufgequollenen Fleischklumpens, damit noch genug Blut für das Verarbeiten von Bildern mit kurzen Texten übrig bleibt. Am Gipfel angekommen, schleppt sich der Frührentner mit letzter Kraft in seinen Sessel, den er mehr anrempelt und hineinfällt statt behutsam in ihn hinein zu gleiten, um keine unnötigen Knochenbrüche herauszufordern. Das erste Fortissimo, das von diesem Fall ausgeht, nimmt unser Erzähler unbewusst im Traum wahr und verarbeitet es in selbigem zu einem Bombeneinschlag. Im Oberstübchen des Nachbarn passiert immer noch nicht viel, aber die Position seiner Leseunterlage stört ihn, daher schiebt und schleift er diese über den Boden und erzeugt den nächsten, akustischen Tsunami für alles, was eine Etage weiter unten liegt. Die Traumwelt des Erzählers erzittert und löst sich (endlich?) in einem plötzlichen Schock auf, bringt den Erzähler dazu, mit Herzrasen aus dem Bett zu fahren. Die Kopfschmerzen, ausgelöst von der Kombination aus zu schneller Bewegung des Kopfes und dem durch die Lärmbelästigung verursachten, verkrampften Kiefer, werden mit Ibuprofen behandelt, um die Nacht etwas zu verlängern. Nur, der Lärmbeauftragte, beseelt von seiner Errungenschaft aus der direkten Begegnung mit dem Niedriglohn-Möchtegern-Postboten, schiebt vor lauter Freude nun auch sein Bett einmal quer durch die Zwei-Zimmer-Wohnung. An dem Punkt wird unser Erzähler zur schnaubenden Dampfwalze, dem fleischgewordenen Hass auf Ruhestörungen und selbsternannten, jüngsten Gericht. Er bricht die Tür zum Nachbarn auf, tritt mit Anlauf auf dessen Quellfuß, auf seinen Tisch, auf die schimmelnde Dvd Sammlung und zuletzt – ganz bewusst – auf die Bilderzeitung. Nur ein Hirngespinst, bis sich irgendwann der Geduldsfaden auflöst wie das Format der Sonntagszeitung.

  • Träume aus Zuckerwatte

    Klebrig, weich und bei Regen zerfallend. Reichtum klebt, über Generationen, nicht selten auch blutig. Ein weiches Zuckerkissen; ohne Struktur bleibt nichts davon übrig. Struktur kann man kaufen, Regen nicht.

  • Läuft

    In einem Supermarkt gibt es immer viel Bewegung. Die Abgelaufenen, versteckt zwischen den schlecht Laufenden, inmitten der gut Laufenden. Die kleinen Umherlaufenden. Die Weglaufenden. Die gestützt Laufenden neben den Verlaufenden. Überlaufend und in Tüten gequetscht.

  • Soundscape

    Eine Melange aus über Asphalt rollenden Reifen ferner Autobahnen, fauchenden Geräten näherliegender Baustellen und darüberziehenden Flugzeugen hat sich gebildet, die leicht nach Abgasen und Konsum schmeckt.

  • Etwas verdrossen

    Die aktuelle Politik und seine Extremitäten wäre etwas, worüber ich gerne schreiben würde, aber die Rhythmusverschiebungen und Brüche sind so zahlreich, so unendlich absurd, dass ich den Wald vor lauter geleckter Eier nicht mehr sehe.

  • Perspektiefer

    Mit Schaum vorm Mund, das Bier in der einen, das Handy im Aufnahmemodus in der anderen Hand. Durch Filter pressen, auf Pinnwände nageln und nach der richtigen Bildbeschreibung suchen. Hashtag Red Flag. Der Moment, in dem das Bier so leer ist, wie der Blick ans andere Ende der Fahnenstange. Setz‘ mich auf den nächsten Barhocker, betrachte meinen Bierbauch mit dem beim Menschen vorinstallierten Selfiemodus und möchte die Perspektive ändern. Doch der Speck sitzt tiefer.

  • Chamäleon

    Das Farbspektakel unter Füßen;Gedanken richten, züchten, giessen. Durch Hoffnungsschimmer leuchtet hier der nächste Morgen aufgerissener Vorhänge: eintretendes Licht bildet Sonnenpfützen auf dem PVC. Er lehnt an einer kalten Kellertür, verbirgt Verschlossenes, zugedecktes Gedränge. Verhungern wirst du. Depression, die.

  • Herdenschwitzer

    Keuchendes, durchschwitztes Etwas, das im Vorbei-joggen nach Reserve klingt. Wäre er eine Maschine und kein Mensch, würde man quietschende Scharniere und dampfendes Zischen vernehmen statt dem Gestank des Gleichgültigen, der nur für sich, NACH der Tortur, und nicht für zufällige Begegnungen, das eingetrocknete Salz unter den Achseln mit Seife bekämpft.

    Eine Autobahn in unmittelbarer Nähe zum Naherholungsgebiet bereitet das akustische Bett für den durch Naturschutz wandelnden Schlaflosen. Irgendwann sieht man das gelbe Ding nicht mehr, und übrig bleiben warm angeleuchtete Wolken.

    Eine kleine Herde trabt an mir vorbei, umgeben von einer Schweißperlen-Sphäre, schon von weitem schnatternd wahrgenommen wie Wildgänse am Horizont. Selbst die Schwäne verschwinden mit ihren Köpfen im schlammigen Wasser, was in dem Fall auch meine Wahl gewesen wäre.

  • Das Smartphone, die Lagerfeuertaschenlampe

    Ein Meer aus Gruselgeschichten schlendert nichtsahnend durch die Nacht. Jeder für sich und doch vereint in der unglücklichen Beleuchtung der Nasenlöcher. Wenn wir uns hinunterbeugen zu den strahlenden Pixeln in unseren Händen, schaffen wir ein fortwährendes Horrorszenario für die Heranwachsenden, die von klein an an unseren Nasenhaaren vorbei in die Untiefen der sich aufplusternden Nasenflügel starren müssen, während sie in ihrem Kinderwagen wie auf Folterbänken diesen Schauermärchen ausgeliefert sind.